Versorgung mit Langzeitprovisorien ohne Sicherung der Position der eingeleiteten Schienentherapie 

Das Oberlandesgericht (OLG) Hamm hat mit dem Urteil vom 06.06.2014 (Az.: 26 U 14/13) entschieden, dass es als grober zahnärztlicher Behandlungsfehler zu werten sei, wenn eine Versorgung mit Langzeitprovisorien begonnen wird, ohne die Position der eingeleiteten Schienentherapie hinreichend zu sichern. Ein solches Vorgehen sei nicht verständlich, weil es gegen bewährte zahnmedizinische Erkenntnisse verstoße. Wegen des groben Behandlungsfehlers sei auch eine Weiterbehandlung für den Patienten unzumutbar.


Zum Sachverhalt:

Die Klägerin begehrte von ihrem ehemaligen Zahnarzt, dem Beklagten, wegen behaupteter zahnärztlicher Behandlungsfehler die Zahlung eines mit mindestens 5.000,-- € für angemessen gehaltenen Schmerzensgeldes sowie weitere materielle Schäden und die Feststellung weitergehender Ersatzpflicht für materielle Schäden. Insoweit brachte die Klägerin vor, dass der Beklagte nach einer Therapie mittels Protrusionsschienen provisorischen Zahnersatz verfrüht eingegliedert habe. Auch seien die eingebrachten provisorischen Kronen und Brücken wegen extremer Nonokklusion (= nicht gegebener Zahnkontakt der Zähne zwischen Ober- und Unterkiefer) fehlerhaft gewesen.

 

Der Beklagte, der bereits erstinstanzlich entsprechend der Klägeranträge verurteilt worden war, berief sich u.a. darauf, dass ihm nicht ausreichend Gelegenheit zur Nacharbeit der Interimsversorgung gegeben worden sei.


Zur Entscheidung des OLG:

Das OLG Hamm sah es unter dieser Prämisse als erwiesen an, dass der Beklagte die Klägerinprovisorischprothetisch versorgt habe, obwohl die Position ihres Unterkiefers durch eine Schienentherapie noch nicht ausreichend gesichert gewesen sei. Vor diesem Hintergrund bejahte das – sachverständig beratene – OLG auch einen groben Behandlungsfehler, weil die zu fordernde halbjährige Beschwerdefreiheit so deutlich unterschritten worden sei, dass sich ein Scheitern der zahnärztlichen Bemühungen gerade aufgedrängt habe. Der Beklagte hafte daher für die bei der Klägerin eingetretenen Schäden einschließlich ihrer Folgewirkungen, weil er den Gegenbeweis mangelnder Kausalität nicht geführt habe.


Fazit:

Dass es – grob – behandlungsfehlerhaft ist, provisorischen Zahnersatz verfrüht einzubringen, obwohl die Kieferposition noch nicht ausreichend gesichert ist, entspricht der stetigen Rechtsprechung (vgl. bereits OLG Oldenburg v. 09.07.1991, Az.: 5 U 26/91). Nur in absoluten Ausnahmefällen (z.B. zur „Beruhigung“ eines krankhaften Befundes) mag das Einsetzen von Provisorien auch ohne ausreichende Sicherung der Position in Betracht kommen, sofern dann aber jedenfalls sehr engmaschige Kontrolluntersuchungen vereinbart werden.